Die zweite Station auf meiner Reise zu Lernorten der Nachhaltigkeit war das Ökoinstitut Südtirol Alto Adige Genossenschaft in Bozen. Das Institut bietet Nachhaltigkeits-Beratung für Unternehmen, Kommunen und andere Organisationen mit einer breiten Leistungspalette an: es unterstützt bei der Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten und -strategien, bei CO2-Bilanzen, Umweltmanagement, Klima- und Ressourcenschutz, führt EU-Projekte durch und bietet Weiterbildungen zu einer Vielzahl von Nachhaltigkeitsthemen an. Weiterhin führen die Mitarbeiter*innen Bildungsveranstaltungen in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen durch.

Die Vision des Instituts ist überschrieben mit „Gelebte Nachhaltigkeit in Südtirol und dem Alpenraum“. Dann heißt es u.a.: „Als Ökoinstitut sehen wir unsere Vision in der Zusammenführung von Ökologie, Ökonomie und sozialen Belangen… Die Transformation der Gesellschaft hin zu einer nachhaltigen Zukunft ist unser vorrangiges Ziel“.

In der Vision wird auch auf die besondere Lage Südtirol am Schnittpunkt zweier Kulturen hingewiesen. Das finde ich besonders spannend. In der Natur ist an der Grenze zwischen zwei Ökosystemen, zum Beispiel am Waldrand, die Artenvielfalt größer als in den beiden aneinander grenzenden Ökosystemen, Wald und Wiese. Artenvielfalt kann als Indikator für Lebendigkeit und Resilienz gelten. Auch im Sozialen finden sich an den Grenzen zwischen unterschiedlichen Kulturen oft besonders lebendige Räume.

In meiner eigenen Arbeit habe ich „kulturelle Grenzüberschreitungen“ stets als besonders inspirierend erlebt. Wo sich Menschen aus unterschiedlichen Ländern und/oder anderen Religionen begegnen, aus betrieblicher Personalentwicklung und kirchliche Erwachsenenbildung, aus Designabteilung und technische Entwicklung in einem Unternehmen – überall dort, wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und es Menschen gelingt, offen aufeinander zu- und miteinander umzugehen, entstehen oft besonders innovative und kreative Ideen.

Südtirol blickt auf eine bewegte und teils gewaltsame Geschichte zurück: Nach dem Übergang von Österreich zu Italien im Zuge des Ersten Weltkriegs prägten Zwangs-Italianisierung, politische Spannungen und auch terroristische Gewalt viele Jahrzehnte das Zusammenleben der deutsch- und italienischsprachigen Bevölkerung. Heute leben die beiden Gruppen in Frieden zusammen. Auch wenn es immer noch Herausforderungen gibt, ist das für mich ein herausragendes Beispiel, von dem andere Länder und Kulturen lernen können.

Ich traf mich am Institut mit der Geschäftsführerin Sonja Abrate und der für Weiterbildung zuständigen Mitarbeiterin Elisabeth Lochner. Lag bei meinem Besuch am BNE-Zentrum in Kloster Neustift der Schwerpunkt eher auf Schulen und der öffentlichen Erwachsenenbildung, ging es in unserem Gespräch in Bozen vor allem um Unternehmen.

Meine Vermutung war, dass sich die schwierige wirtschaftliche Lage, in der sich viele Unternehmen aufgrund der geopolitischen Spannungen gegenwärtig befinden, und die nachlassende Aufmerksamkeit für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und ähnliche Themen in der öffentlichen Diskussion in der Auftragslage des Instituts niederschlagen würde. Erfreulicherweise scheint das jedoch nicht der Fall zu sein. Womöglich planen Unternehmen, die sich an Nachhaltigkeit orientieren und entsprechende Leistungen nachfragen mit einem längeren Zeithorizont und lassen sich weniger von kurzfristigen Trends leiten. Sicherlich spielt auch eine Rolle, dass Südtirols Wirtschaft grundsätzlich sehr stark ist.

Wir tauschten uns aus über die Rolle von Führungskräften bei der Implementation von Nachhaltigkeit und CSR in Unternehmen, die ein entscheidender Faktor sind, dieser Rolle aber nicht immer gerecht werden. Sonja und Elisabeth erleben Führungskräfte in ihren Workshops oft als eher zurückhaltend: „Führungskräfte lassen machen, die packen nicht unbedingt selber an“. Wir diskutierten, wo Nachhaltigkeitsabteilungen in Unternehmen verortet sind (eher verdächtig: bei der Marketingabteilung; schon besser: beim Qualitätsmanagement oder Controlling; noch besser: als Stabsstelle beim Vorstand oder der Geschäftsführung) und inwiefern Nachhaltigkeits- und Personalabteilung systematisch zusammenarbeiten (eher selten).

Ich beobachte seit langem, dass Nachhaltigkeit und CSR in vielen Unternehmen nicht systematisch in die betriebliche Personalentwicklung eingebunden sind, es relativ wenig wissenschaftliche Literatur dazu gibt – und dass sich das nur sehr langsam ändert. Trotz der herausragenden Rolle der Führungskräfte bei der Implementation von Nachhaltigkeit, scheint das immer noch kein großes Thema in der Führungskräfte-Entwicklung zu sein Diesen Eindruck haben Sonja und Elisabeth in unserem Gespräch bestätigt.

Ein weiteres Thema war der Einsatz von KI bei der Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten. Hier gaben meine Gesprächspartnerinnen eine ambivalente Einschätzung ab: sicher könne KI dabei unterstützen, aber es bestünde auch die Gefahr, dass Unternehmen die Berichte von KI erstellen lassen, damit aber bestenfalls formalen Anforderungen genüge getan wird, der eigentliche Prozess des Suchens und Finden von Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten aber zu kurz kommt.

Bei meinen Besuchen bei Lernorten ist einer meiner Blickwinkel ja, inwiefern die Organisation sich am Whole Institution Approach (WIA) orientiert. Das Ökoinstitut betreibt kein eigenes Bildungshaus, sondern führt Veranstaltungen in Räumlichkeiten der Kunden oder in Tagungshäusern und -hotels durch. Insofern hat das Institut selbst nur bedingt Einfluss auf die nachhaltige Gestaltung der Veranstaltungsorte. In den eigenen Räumen wird auf die Verwendung nachhaltiger Produkte und Materialien großen Wert gelegt. Bei Reisen zu Kunden versuchen die Mitarbeitenden, mit Öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

Besonders beeindruckt hat mich, dass die meisten Mitarbeiter*innen unbefristet beschäftigt sind, obwohl sich das Institut ausschließlich über befristete Projekte und Aufträge finanziert. Das ist gelebte soziale Nachhaltigkeit!

Das Ökoinstitut ist gegenwärtig auf der Suche nach neuen Mitarbeiter*innen ( https://www.oekoinstitut.it/de/team-jobs) Eine tolle Chance, in einer sehr attraktiven Umgebung an sinnvollen Projekten mitzuarbeiten! Wenn ich noch jung und ungebunden wäre… 😉

Vielen Dank an Sonja Abrate und Elisabeth Locher für den freundlichen Empfang und den interessanten Austausch – und alles Gute weiterhin für eure so wichtige Arbeit!